Vermessungspunkt Oravivuori
Mit einem Netz von Vermessungspunkten hat Wilhelm von Struve im 19. Jahrhundert die Form der Erde erstaunlich genau berechnet. Einer der Punkte lässt sich am Oravivuori in Mittelfinnland besichtigen - nach einer äußerst anstrengenden Wanderung.
Wir Menschen des 21. Jahrhunderts können im Urlaub bequem von Ort zu Ort fahren - und dabei auch noch kleine Zeitreisen unternehmen. In der Nähe der finnischen Stadt jyväskylä lädt ein Unesco-Weltkulturerbe zu einer solchen Zeitreise ein - zurück ins frühe 19. Jahrhundert, als ein begeisterter Astronom namens Friedrich Georg Wilhelm Struve damit begann, einen Meridianbogen zu vermessen. Struve wollte damit einen Nachweis für die Erdabplattung finden. Bereits im späten 17. Jahrhundert hatte Sir Isaac Newton seine Vermutung veröffentlicht, dass die Erde keine geometrisch perfekte Kugel sein kann. Und Newton hatte dafür auch eine Erklärung: durch die Zentrifugalkraft werde das Material der Erde auseinandergedrückt - das führe zu einer Abplattung.

Es wäre heutzutage leicht, für diese Vermutung einen Beweis zu finden: Wissenschaftler könnten die Umlaufbahnen von Satelliten nutzen, um die Form der Erde zu bestimmen - oder aber die Gravimetrie: Damit lässt sich die Schwerkraft an verschiedenen Punkten der Erde messen; an den Polen ist die Schwerkraft etwas höher, denn dort ist die Erde abgeplattet. Für den deutschbaltischen Astronom Wilhelm von Struve jedoch war die Vermessung vor rund 200 Jahren ein zeitraubendes und sicherlich auch nervenaufreibendes Unternehmen: Von 1816 bis 1855, also fast 40 Jahre lang, haben Struve und seine Mitarbeiter an der Vermessung gearbeitet, sie mussten immer wieder Geldgeber finden und Genehmigungen einholen, um ein ganzes Netz von Punkten anzulegen und zu vermessen; diese Reihe, der sogenannte Struve-Bogen, reicht auf einer Länge von über 2.800 Kilometern vom norwegischen Hammerfest im Norden bis zum Schwarzen Meer im Süden. Am Ende war der Beweis erbracht: die Erde ist keine ganz perfekte Kugel, sondern an den Polen abgeflacht.
Sie haben ihr Ziel erreicht
Das war jetzt eine lange Einführung, nun geht’s aber los. Wir starten unsere Zeitreise ins 19. Jahrhundert und begeben uns auf die Spuren von Struves Expeditions-Team. Als Reisende im 21. Jahrhundert verwenden wir natürlich einen elektronischen Navigator, um schnell und sicher ans Ziel zu gelangen. Wir geben die Daten des Struve-Bogen-Vermessungspunkts am Oravivuori in das GPS-basierte Kästchen ein und folgen danach vertrauensvoll und gehorsam den Anweisungen des Wunderapparats. Diese Anweisungen lotsen uns an einem heißen Sommertag von Jyväskylä aus auf die E 63 Richtung Tampere, nach einer guten halben Stunde Schnellstraße auf einen Seitenweg und schließlich auf eine staubige Schotterpiste in die Wildnis.

Nach zehn Minuten Schüttelfahrt verkündet das Navi stolz: “Sie haben das Ziel erreicht.” Das können wir freilich nicht so recht glauben, denn unser Auto steht auf einem holprigen Weg am Waldrand fern jeglicher Zivilisation, es gibt keinen Parkplatz und auch keine Hinweistafel, lediglich Ratlosigkeit. Finnische Tourismus-Prospekte preisen den Oravivuori als Sehenswürdigkeit an, dann muss es doch auch irgendwo einen Weg dorthin geben.
36 Jahre Arbeit für die Erdvermessung
Und tatsächlich: Als wir zum zweiten Mal das vom Navi berechnete Ziel passieren, sehen wir an einem unscheinbaren Trampelpfad ein kleines blaues Schild und dahinter, etwas versteckt, eine Schautafel, auf der Struves Arbeit erklärt wird.

Von der Schautafel führt ein holpriger Weg zum historischen Vermessungspunkt. Dieser einen Kilometer lange Weg kennt nur eine Richtung: nach oben, teilweise auch steil nach oben. Da geht selbst mittelmäßig geübten Wanderern schon mal die Puste aus. Unterwegs an der Strecke zeigen Holzschilder immer wieder an, wieviele Meter wir bereits zurückgelegt haben und wieviele wir noch laufen müssen. Für müde Wanderer gibt es sogar Ruhebänkchen. Doch wir wollen nicht ruhen, höchstens mal kurz verschnaufen - und dann gleich wieder weiterlaufen, dem Gipfel entgegen. Nach anstrengenden 1.000 Metern sehen wir schließlich unser Ziel: den Aussichtsturm am Vermessungspunkt.
Unesco-Weltkulturerbe
Am Turm weist ein Schild darauf hin, dass dieser Messpunkt mit 33 anderen heute zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Daneben findet sich eine metallene Platte, die auch neueste Vermessungen berücksichtigt: Ein Jahrhundert nach Struve hat das finnische geodätische Institut den Punkt am Oravivuori mit modernen Hilfsmitteln neu vermessen lassen - mit einem erstaunlichen Ergebnis: die Abweichung der historischen Messung beträgt hier gerade einmal 43 Zentimeter.

Unser letzter Aufstieg an diesem Tag führt auf den Aussichtsturm über dem Vermessungspunkt. Wir haben Glück: Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, und so bekommen wir einen herrlichen Blick über die Seenlandschaft Mittelfinnlands - eine phantastische Aussicht, die wir lange genießen, bevor wir den nicht mehr so ganz beschwerlichen Rückweg Richtung Tal antreten.
Der Vermessungspunkt Oravivuori liegt rund 45 Kilometer südlich von Jyväskylä. Der Weg zur Anhöhe beginnt recht unscheinbar an einer Schotterpiste. Leider gibt es für Besucher keinen Parkplatz, so dass man selbst nach einer Abstellmöglichkeit am Wegrand suchen muss. Die genauen Koordinaten des Vermessungspunkts lauten (in Dezimalschreibweise) Breitengrad 61.926667, Längengrad 25.533611.
zuletzt aktualisiert am 03.10.2025