Wandern, Sehenswertes, Kultur

Lordi und der Weihnachtsmann

Rovaniemi ist ein beliebtes Reiseziel im Norden Finnlands. Denn in der Stadt am Polarkreis ist nicht nur der Weihnachtsmann zuhause, sondern noch eine weitere sagenhafte Gestalt: der pickelgesichtige Schwermetallrocker Lordi.

Als wir vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal Rovaniemi besucht haben, waren wir etwas überrascht. Die Hauptstadt der finnischen Region Lappland hat immerhin weit über 60.000 Einwohner; doch das Zentrum mit seiner überschaubaren Fußgängerzone erscheint eher kleinstädtisch-provinziell. Das mag auch mit der Geschichte zusammenhängen, denn das “alte” Rovaniemi gibt es nicht mehr. Truppen des Deutschen Reiches hatten hier bis 1944 einen Stützpunkt. Als die Wehrmacht das Land verlassen musste, hinterließ sie befehlsgemäß verbrannte Erde; rund 90 Prozent der alten Bausubstanz wurde vernichtet. Im Regionalmuseum Arktikum gibt es ein sehenswertes Modell von Rovaniemi früher und heute. Dieses Modell in einer Vitrine zeigt die Zerstörung sehr eindrucksvoll - und hinterlässt beim Betrachter ein ungutes Gefühl.

Bücherei und Lappia-Haus von Alvar Aalto
Bücherei und Lappia-Haus von Alvar Aalto

Nach dem Krieg hat der bekannte Architekt und Stadtplaner Alvar Aalto gemeinsam mit Kollegen das “neue” Rovaniemi entworfen - mit einem Grundriss, der an ein Rentiergeweih erinnert. Beinahe ein Jahrzehnt hat es gedauert, um die zerstörte Stadt neu aufzubauen. Auf den Besucher wirkt Rovaniemi heute zeitlos modern, aber leider ohne sichtbare Historie. Dennoch gibt es hier allerlei Sehenswertes zu entdecken, zum Beispiel an der Varsitie, einer Straße am Rande der Innenstadt: Hier findet sich ein Gebäudekomplex aus Stadthaus, Bibliothek und Lappia-Haus, den ebenfalls Alvar Aalto geplant hat. Ein lohnenswertes Ziel ist auch das Arktikum, in dem die Region und ihre Geschichte präsentiert werden.

Holzwirtschaft und Tourismus

Seit vielen Jahren schon bildet Rovaniemi das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der finnischen Landschaft Lappland. Den Aufschwung verdankt die einstige Rentierzüchter-Hochburg vor allem der Holzwirtschaft - und zwei Flüssen: In Rovaniemi fließt der Ounasjoki in den Kemijoki; dieser wiederum mündet später bei Kemi in den Bottnischen Meerbusen, einen Ausläufer der Ostsee. Die beiden großen Flüsse haben jahrzehntelang beim Transport von Baumstämmen eine wichtige Rolle gespielt; vor allem dadurch konnte Rovaniemi seine heutige Bedeutung erlangen.

Brücke über den Kemijoki
Brücke über den Kemijoki

Inzwischen ist auch der der Tourismus in Rovaniemi ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Rund 500.000 Gäste besuchen Jahr für Jahr die Stadt des Weihnachtsmanns, in der das Geschäft mit den Durchreisenden manch skurrile Blüte treibt: Bei unserem Besuch im “Clarion Hotel Santa Claus” gab es zum Frühstück Reis und Miso-Suppe - ein Zugeständnis an die zahlreichen Touristen aus Fernost.

Wie der Weihnachtsmann nach Rovaniemi kam

Hauptattraktion in Rovaniemi ist das Dorf des Weihnachtsmanns, das übrigens nicht in der Stadt selbst angesiedelt ist, sondern acht Kilometer nordöstlich an der Straße Richtung Kemijärvi, direkt am Polarkreis. Der Standort ist (salopp formuliert) in erster Linie eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Denn genaugenommen müsste das Dorf des Weihnachtsmanns an ganz anderer Stelle stehen: in der Gemeinde Savukoski, gut 240 Kilometer entfernt.

Es soll der finnische Rundfunksprecher Markus Rautio gewesen sein, der als “Onkel Markus” in den 1920er Jahren seinen Hörern die Geschichte vom Weihnachtsmann erzählte, der im Inneren des Korvatunturi (Ohrenberg) mit seinen Rentieren und Wichteln lebt. Diese Idee wurde später auch vom Kinderbuchautor Mauri Kunnas für seine Bücher vom Joulupukki (Weihnachtsmann) aufgegriffen.

Weihnachtspostamt am Polarkreis
Weihnachtspostamt am Polarkreis

Die hübsche Geschichte vom Weihnachtsmann im Ohrenberg hat allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Der Korvatunturi liegt nämlich am Sperrgebiet des finnisch-russischen Grenzstreifens fernab jeglicher Verkehrswege. Ein Weihnachtsdorf konnte hier also nicht errichtet werden; so wählten die Finnen schließlich das verkehrsgünstigere Rovaniemi als Heimat des Joulupukki.

Im Weihnachtsdorf an der Fernverkehrsstraße 4 lebt und arbeitet der grauhaarige Herr mit Bart nun das ganze Jahr über. Er empfängt Besucher aus aller Welt und beantwortet mit seinen Wichteln Weihnachtsbriefe, die ihm die Kinder schicken. Rund um das Büro und das Postamt des Weihnachtsmanns ist vor den Toren der Stadt Rovaniemi ein regelrechtes Weihnachtsgewerbegebiet entstanden (dazu später mehr).

Ein Platz für Lordi

Der Weihnachtsmann ist freilich nicht die einzige sagenumwobene Gestalt, die hier zuhause ist. Auch Lordi stammt aus Rovaniemi. Der pickelgesichtige Schwermetallrocker hat im Jahr 2006 mit der nach ihm benannten Band den Eurovision Song Contest gewonnen. Bei manchen Fernsehzuschauern sorgte der Auftritt der Musiker mit ihren Monstermasken für Entsetzen; in Finnland jedoch wurde und wird Lordi (der mit bürgerlichem Namen Tomi Putaansuu heißt) begeistert gefeiert - vor allem in seiner Heimatstadt.

Lordi-Säule am Lordi-Platz
Lordi-Säule am Lordi-Platz

Die Stadt Rovaniemi hat inzwischen den Sampo-Platz im Stadtzentrum in Lordi-Platz umbenannt - an einer Säule befinden sich seitdem die in Beton gegossenen Handabdrücke der fünf Lordi-Musiker. Sampo stellt übrigens ein legendenhaftes Gerät aus dem finnischen Kalevala-Epos dar. Solche mythischen Dinge spielen im Bewusstsein der Menschen in Finnland normalerweise eine große Rolle - auch deshalb ist die Umbenennung des Sampo-Platzes in Lordi-Platz bemerkenswert.

Rudolphs letzte Reise

In Rovaniemi hatte Lordi noch im Jahr 2006 ein eigenes “Rocktaurant” eröffnet. In der Gaststätte wurden Bandutensilien ausgestellt; man konnte dort aber auch ganz normal essen - das versprach zumindest eine Anzeige im Stadtprospekt. Wir selbst haben das Rocktaurant nur von außen betrachtet, der kurze Blick auf die Speisekarte hat gereicht: Dort standen Gerichte mit so phantasievollen Namen wie “Chainsaw Buffet”; die Rentierbratwürste wurden als “Rudolphs letzte Reise” angeboten. Wer’s mag.

Die Inhaber des Rocktaurant hatten damals große Pläne und wollten sogar Filialen in Russland gründen. Doch dann kam alles anders: Zwei Jahre nach der Eröffnung mietete sich das Rocktaurant im benachbarten Rinteenkulma-Einkaufszentrum ein; weitere zwei Jahre später berichtete die Presse von finanziellen Schwierigkeiten, und im Jahr 2011 schloss Lordis Rocktaurant mit dem Ende des Mietvertrags seine Pforten.

Handel im Wandel

Das Weihnachtsdorf gibt es freilich immer noch. In den vergangenen Jahrzehnten waren wir dort mehrmals zu Gast und durften eine faszinierende Entwicklung miterleben: Bei unserem ersten Besuch im Jahr 2005 gab es im Dorf vor allem kleine Geschäfte, in denen die Händler oft heimische Erzeugnisse angeboten und verkauft haben.

Outlet-Center im Weihnachtsdorf von Rovaniemi
Outlet-Center im Weihnachtsdorf von Rovaniemi

Inzwischen dominieren dort Cafes, Restaurants und Dutzende von Souvenirläden, in denen neben Qualitätswaren aus Finnland längst auch Billigerzeugnisse aus dem Reich der Mitte angeboten werden. Da kommt man schon ins Grübeln, wenn man sieht, wie Touristen aus Asien Dinge in die Hand nehmen, die möglicherweise in ihrem eigenen Land hergestellt wurden.

Wir kommen dennoch gerne zu Besuch hierher, denn das Weihnachtsdorf beherbergt ein gut sortiertes Outlet-Center; in dem recht geschmackvoll eingerichteten Center werden Glas-Artikel von Iittala und Haushaltswaren anderer finnischer Hersteller gezeigt (und natürlich auch verkauft). Und so manches Mal lässt sich dort tatsächlich ein Schnäppchen machen.

zuletzt aktualisiert am 02.09.2025

Wandern (3) Reise (3) Jyväskylä (3) Nordfinnland (2) Mittelfinnland (2) Lappland (2) Geschichte (2) Baltikum (2) Winter (1) Tallinn (1) Städtetour (1) Rovaniemi (1) Ostfinnland (1) Musik (1) Museum (1) Kultur (1) Kirche (1) Karelien (1) Joensuu (1) Aussicht (1)